Advent, Advent, Groß grösser, Kinderaugen
Advent, Advent ein Lichtlein brennt. Wer kennt das nicht, der erste Advent ist kaum in Sicht und pünktlich beginnt auch schon der alljährliche vorweihnachtliche Weihnachtswahnsinn.
Adventskranz, Adventskalender, Schokolade, Süßigkeiten, Kerzen, Bienenwachskerzen, Spekulatius, Geschenkpapier, Weihnachtskarten, Weihnachtsmärkte, Christkindlmarkt, Glühwein, Punsch und Kinderpunsch, Gutscheine, Nikolaus und Läuse, ich fühle mich erschlagen von all diesen weihnachtlichen Wörtern.Kurz gesagt – wie bereits im „Kauf-nix-Tag“ erwähnt halte ich mich raus – keine Geschenke – keine Kalender – kein Nikolaus und erstrecht auch keine Niko-Läuse!
Jawohl ja so wird’s gemacht dieses Jahr!
Ich lasse mich nicht stressen, lasse mich nicht schockieren (schokieren
) und auch nicht zwingen, lange an irgendwelchen Kassen anzustehen. Auch muss ich nicht im Internet umherirren und verzweifelt nach Geschenken suchen! Nein – dieses Jahr nicht! So ist es beschlossen und so wird es dann auch gemacht! Bis jetzt bin ich der Schweinegrippe entkommen da werde ich mich doch auch erfolgreich vor dem Weihnachtsvirus schützen können!
Und dann kam der erste Advent!
Gerade erfreute ich mich noch an der Sonntagszeitung und an dem doppelseitigen Artikel über Yoga, da konnte ich auch schon mit einem Auge beobachten wie kleine und große grüne Zweige in die Wohnung gezogen wurden. Ich konnte gar nicht so schnell schauen da stand auch schon ein selbst zusammen gesteckter Adventskranz inkl. Kerzen und Verzierung auf dem Tisch. Mein Artikel war noch nicht einmal zu Ende gelesen, da bekam „Mitbenutzerkind I“ den Auftrag, aus dem Speicher ein riesiges Holzhäuschen zu holen. Dieses stand dann auch einige Minuten später in der Wohnung. Ich wiederum, ging aus der selbigen und machte mich auf dem Heimweg in meine, neutrale, Tannenzweig freie Wohnung. Meinen interessanten Artikel vergaß ich leider in der Weihnachtswohnung.
Auf dem Heimweg hörte ich die Vergebung, den zweiten Teil von Stieg Larsson und freute mich auf zuhause. Während in meinen Ohren, Mikael Blomkvist, Holger Palmgren im Krankenhaus besuchte und vorab mit dem Pflegepersonal diskutierte bezüglich der Besuchszeiten, ging ich die Straße entlang. Es befinden sich insgesamt fünf Läden auf dem kurzen Stück Weg zur Ampel und mir fiel auf das davon bereits drei, weihnachtlich dekoriert waren. Wann ist das denn bitte geschehen? Gestern Abend, kurz vor acht kam ich hier noch vorbei und von weihnachtlicher Deko war weit und breit nichts zu sehen. Drei Schritte weiter, nehme ich meine Aussage zurück und ändere die Zahl der Beteiligten Läden auf vier! Selbst der kleine Telefonladen hatte einen winzigen, aber geschmückten Tannenzweig im Fenster stehen. Unglaublich – offensichtlich gab es eine gemeinschaftliche, nächtliche, weihnachtliche Deko Aktion. Auch hier hat also der Weihnachtsvirus zugeschlagen.
Mit „Kalle, fucking Blomkvist“ im Ohr ging ich weiter die Straße entlang. Eine Stunde und 34 Minuten noch, dann würde ich das lang ersehnte Ende des zweiten Teils erfahren und eine Stunde 34 Minuten würde ich jetzt bestimmt nichts von Weihnachten hören oder gar sehen! Dietmar Bärs Stimme lauschend, betrat ich mein Treppenhaus und schloss meinen Briefkasten auf. Die aktuelle Ausgabe von P.M. Logik-Trainer fiel mir entgegen, desweiteren fand ich das aktuelle Magazin meiner Krankenkasse und den Werbekatalog von H&M in meinem Briefkasten vor. Auf den Titelseiten, beider letzten Bildheftchen, befand sich Weihnachten als Hauptthema…schon klar.
Während ich die unzähligen Treppen zu meiner Wohnung hochstieg, erzählte mir Dietmar Bär was mit Lisbeth Salander gerade geschah. Im dritten Stock begegnete ich meiner Nachbarin, während in meinem Ohr, Lisbeth einen ihrer dunkelsten Abende erlebte. Meine Nachbarin, freute sich sichtlich mich zu sehen und grüßte überschwänglich und erinnerte mich daran bei der Hausverwaltung anzurufen bezüglich der Speicherbeleuchtung und wünschte mir im selben Atemzug einen schönen ersten Advent. Sie erkundigte sich ob ich in 1 ½ Stunden noch zu Hause wäre, denn sie hätte was für meine „Mitbenutzerkinder“ zum Advent. Ich mag meine Nachbarin wirklich – doch auch sie ist offensichtlich vom Weihnachtsvirus infiziert.
Nach der Verabschiedung sperrte ich meine Wohnungstüre auf und trat ein. Komisch war, dass gleichzeitig in meinem Ohr, Lisbeth Salander ihre Wohnung betrat. Ich hoffte dass dies auch die einzigen Parallelen waren, irgendwelchen Killern wollte ich jetzt nicht unbedingt in meiner Küche begegnen. (Womöglich noch Glühwein trinkenderweise und Lebkuchen essend?)
In meiner Küche wartete niemand auf mich, auch in den anderen Zimmern versteckten sich keine ungebetenen Gäste.
Noch eine Stunde 19 Minuten und Lisbeth Salander gestand mir gerade das sie in Mikael Blomkvist verliebt sei, doch dies dürfe er auf keinen Fall erfahren – auch gut – ich machte mir erst mal einen Kaffee.
Die Post sah ich in der Zwischenzeit durch, zwei weitere Kuverts haben sich in dem Krankenkassen Magazin versteckt. In dem ersten Kuvert befand sich eine weihnachtliche Karte von meinem Optiker, er wünschte mir einen schönen ersten Advent – aha auch er ist infiziert! Das zweite Schreiben kam von der Telekom. Vorab sollte ich vielleicht erwähnen dass ich gar kein Telekom Kunde bin, ich wurde mit Hilfe einer Karte, auf der sich ein mit rosa Bändchen geschmückter ausschneidbarer Mistelzweig befand, erinnert das am 24.12. Heiligabend sei! Ach Gott – dass hätte ich jetzt wirklich vergessen! Muss die Telekom wirklich Ihre Kunden an dieses Datum erinnern? Interessant was die Firma von ihren Kunden hält, kommt zum Jahreswechsel dann ein Kalender in dem ich auch gleich das nächste Weihnachtsfest eintragen kann? Die Antwort werde ich nie erfahren, jedenfalls nicht von der Telekom, denn ich stellte fest, dass diese Erinnerungskarte gar nicht für mich bestimmt war. Gehörte laut Adresszeile, meiner Nachbarin.
Vielleicht sollte ich eine Spendenaktion für unseren Briefträger aufrufen, damit dieser endlich die längst fällige Brille bekommt und ihn gleichzeitig daran erinnern das am 24. Heiligabend ist? Doch weder mein Briefträger noch meine Nachbarin erwecken den Eindruck als würden sie eine derartige Erinnerung benötigen, weder von mir und schon gar nicht von besagter Telefongesellschaft.
Mikael Blomkvist schaltete die Kaffeemaschine ein während ich mir jenseits der Ohrstöpsel gerade einen Kaffee einschenkte. Der Sprecher berichtete mir das Blomkvist keine sauberen Klamotten mehr besaß und diese Erkenntnis erinnerte mich wiederum an meine eigene Waschmaschine, welche bereits vollgestopft in meinem Bad auf Aktivierung wartete. Das nenne ich mal eine brauchbare Erinnerung – direkt ins Ohr!
45 Minuten vor Ende meines Hörbuches, gerade als Lisbeth Salander ein Licht aufging, klingelte es bei mir an der Haustür. Meine Nachbarin stand davor und überreichte mir an die Fünf Kilo Schokolade. „Für die Kinder!“ wies mich meine Nachbarin an „und auch für Sie!“ sie blickte mich dabei an und ich bildete mir ein, ich könnte eine Art Augenblitzen sehen. Meine Nachbarin strahlte.
Nochmals wurde mir ein schöner erster Advent gewünscht.
Mir fiel ein, dass ich ihre Erinnerung von der Telefongesellschaft fälschlicherweise in meiner Küche liegen hatte und holte sie schnell. Die Tatsache dass das Kuvert bereits geöffnet war schockierte sie nicht wirklich ich entschuldigte mich dafür, wer schaut schon nach wenn er Post in seinem Briefkasten findet, ob diese auch wirklich für ihn ist? Ich offensichtlich nicht, meine Nachbarin ebenfalls nicht, versicherte sie mir. Sie drehte sich um und wünschte nochmals einen schönen ruhigen Sonntag und einen schönen ersten Advent.
Irgendwie hab ich mich sehr darüber gefreut. Ich schloss die Tür und ging zurück in die Küche.
Lisbeth Salander begegnete gerade zwei Familienmitgliedern, die Begrüßung klang nicht gerade freundlich. Mein Handy leuchtete – Sms mit dem Hinweis dass gerade Plätzchen gebacken werden und ich auch welche bekomme. Wünsche einen schönen ersten Advent, das war die Verabschiedung.
Noch 30 Minuten. Dietmar Bär machte Tempo! Nach weiteren 15 Minuten die ich stehend in der Küche verbrachte setzte ich mich dann doch. Ach Gott, jetzt wurde auch noch eine Axt geschwungen, im Hörbuch natürlich, nicht in meiner Küche. Vier Minuten noch und Mikael Blomkvist schlich, um Mitternacht, in einem Wald umher, bei mir war es zwanzig nach drei und ich saß mit angezogenen Beinen auf meinem Küchenstuhl. Er überquerte daraufhin eine Wiese und blieb 30 Meter vor einem Haus stehen. Dietmar Bär berichtete mir, dass jeder Muskel von Mikael Blomkvist angespannt war – meine schon auch! Jetzt wurde es noch einmal richtig spannend, ich rutschte auf meinem Küchenstuhl näher an die Lehne, Mikael Blomkvist hörte Geräusche und mir kam es vor als könne ich ebenfalls welche hören. Dann ging es Schlag auf Schlag, die Axt, eine Prothese, ein Schuppen, Blut, Holzriegel, Licht, eine nächtliche Straße, weitere Waffen und endlich eine Lisbeth Salander. Ach Gott, ist sie verletzt oder gar tot? Mensch, Kalle fucking Blomkvist was ist denn nun?
Ich kenne den Schluss, verrate ihn natürlich nicht, nur soviel, ich musste sofort und wenn ich meine sofort, dann meine ich auch gleich, sofort im Anschluss mit dem dritten und letzten Teil der Millenium Saga beginnen! Der vorweihnachtliche Wahnsinn war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in meinen Gedanken zu finden.
Der dritte Teil schloss direkt an das Ende des zweiten Teils an. Glücklicherweise, sonst hätte ich die Hörbuchproduzenten und Stieg Larsson verklagt. Völlig unabhängig davon dass Stieg Larsson gar nicht mehr zu verklagen ist.
Schnell schrieb ich noch eine Sms mit den Worten: „zweiter Teil beendet, hammerspannend, ich muss sofort weiterhören!“ Noch in derselben Minute bekam ich postwendend Antwort: „na endlich! Wusste ich es doch dass dich das Millenium Fieber auch noch packt!“ Zur Erklärung, die Sms kam von einer ebenfalls Hörbuchsüchtigen die momentan alle Rekorde im Hörbuch verschlingen aufstellt und ich langsam aber sicher, neidisch werde auf das Tempo das sie vorlegt.
Nach zwanzig Minuten angespanntem Zuhören brauchte ich eine Pause. Lisbeth Salander lag zu diesem Zeitpunkt im Koma. Die Kugel in ihrem Kopf wurde gerade operativ entfernt.
Ich nahm mir einen frischen Kaffee aus der Maschine und öffnete mein Notebook. Startete meine Email Abfrage und die erste neue Email die auf dem Bildschirm erschien, wünschte mir einen schönen ersten Advent.
Die zweite Mail hatte gar einen Anhang, genauer gesagt ein Foto auf dem sich ein Adventskranz befand. Das Foto, umrandet mit den Worten: „Dieses Jahr zum ersten mal einen Adventskranz in die Wohnung gelassen“.
Ja spinn ich! Wie kann es sein dass plötzlich zwei meiner engsten Freunde ebenfalls auf diesen ganzen Weihnachtskram standen? Wie kann es sein dass plötzlich Adventskränzen in Wohnungen Einlass gewährt wird, in denen früher nicht mal ein lebender Kaktus zu finden war.
Die dritte Email, ebenfalls mit einem Anhang versehen, ebenfalls ein Gruß zum ersten Advent und ebenfalls ein Foto!
Ich öffnete den Anhang und blickte in zwei Kinderaugen. Auf dem Kopf des kleinen Helden fand sich eine etwas zu große Nikolausmütze und der kleine Kerl trug noch dazu einen Strampelanzug, der vermuten ließ dass der Träger des selbigen, der Sohn des Weihnachtsmannes sei. Beschriftet war das Foto mit einem Gruß der drei T´s und D. Hier erwischte ich mich dabei dass ich lächelte und mich wirklich richtig freute.
Annika Giannini, die Schwester von Mikael Blomkvist übernahm, nachdem ich mein Notebook zuklappte, die Verteidigung von Lisbeth. Dietmar Bär berichtete ausgiebig von Lisbeths Kindheit. Ich erfuhr im Anschluss den Grund weshalb man sie mit 12 Jahren in eine geschlossene psychiatrische Klinik sperrte, just als ich hungrig in den Kühlschrank spähte, berichtete Herr Bär genauestens über Nils Bjurman. Mir verging der Appetit bei dem Gedanken an dieses Schwein und ich schloss den Kühlschrank unverrichteter Dinge.
Ich hörte an diesem Tag noch weitere zwei Stunden den Geschehnissen rund um Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander zu, während dessen putzte ich die Wohnung und nahm die Wäsche aus der Waschmaschine, diesmal erinnerte mich allerdings kein Mikael Blomkvist daran und auch Lisbeth Salander hatte offensichtlich kein Wäsche Problem. Sie ist mittlerweilen aus dem Koma erwacht und die Zeitung Millenium bekam eine neue Chefredakteurin während ich mit dem Wäschekorb in meinen dunklen Speicher schlich.
Zum Glück wurde gerade niemand umgebracht in meinem Hörbuch und somit blieb mir das hecktische, nervöse Wäscheaufhängen mit stetigen Umherblicken erspart. Der Speicher ist auch schon ohne eingespielte Geräusche und Gespräche unheimlich genug! Blomkvist hob gerade einen größeren Betrag an einem Geldautomaten ab und machte sich dann auf den Weg zu Idris Ghidi. Ich war beruhigt.
Als ich mit der Wäsche fertig war und gerade am gehen war, bemerkte ich im Augenwinkel etwas, ca. fünf Meter vor mir auf der rechten Seite, im halbdunkeln sah ich ihn.
Mikael Blomkvist traf sich mit Idris Ghidi in dessen Wohnung und ich starrte derweilen kopfschüttelnd auf einen etwa 1,80 m großen, in ein Netz eingewickelten Körper. Ungläubig ging ich näher ran und tatsächlich bewahrheitete sich meine Vermutung. Ein zusammen gewickelter, großer, grüner Tannenbaum lehnte in der hintersten Ecke meines Speichers!
Himmel, es ist noch nicht einmal Dezember und die Leute kaufen schon Christbäume! Bis zum eigentlichen Festtag, steht wahrscheinlich nur noch ein nackter Ast in der Wohnung, an dem dann die bunten Kugeln und das, ach so umweltfreundliche, Lametta aufgehängt werden. Ist schon verrückt dieser ganze Weihnachtskram!
Vielleicht sollte ich „Osterhase“ spielen und den Baum verstecken?
Idris Ghidi nahm den von Mikael angebotenen Job an und Blomkvist versicherte ihm 1000 Kronen wöchentlich in bar zu bezahlen. Natürlich würde das Finanzamt nie davon erfahren, warum auch.
Zurück vom grusligem Speicher, wir erinnern uns, er ist ziemlich dunkel und ich muss Montag bei der Hausverwaltung diesbezüglich anrufen, hatte ich einen Anruf in Abwesenheit und einen Mailboxhinweis auf meinem Handy vermerkt.
„Mitbenutzerkind I“ hat mich angerufen. Ups, was da los? Sofort tippte ich auf das Mailbox Zeichen. Eine seltsame Computerstimme begrüßte mich. Nein, sie wünschte mir keinen schönen ersten Advent. Ich erhielt stattdessen eine maschinell gesprochene Kurznachricht. Irgendwie befremdlich. Die Stimme fragte mich ob ich denn vielleicht genervt wäre und ob ich heute nochmal vorbei kommen möchte. Das war die erste Sms die ich von „Mitbenutzerkind I“ bisher erhielt!
Fand sich da ein Lächeln in meinem Gesicht? Ich antwortete sofort, ebenfalls per Sms. Natürlich war ich nicht genervt, zugegeben der Weihnachtstrubel ging mir etwas auf die Nerven, doch generell war ich, dank Dietmar Bär und seiner vorgetragenen Geschichte. bester Laune. Selbstverständlich ließ ich bei meiner Sms die Erwähnung vom nervigen Weihnachtstrubel weg, Dietmar Bär erwähnte ich auch mit keiner Silbe. Karl Axel Bodin erhielt in der Zwischenzeit Besuch im Krankenhaus und blickte kurz darauf in den Lauf einer Waffe. Dies dürfte auch das letzte gewesen sein, was er in seinem Leben sah.
Zugegeben, ich bin nach einer weiteren Stunde Hörbuch, in der ein Selbstmorden vollzogen wurde und Erika Berger Bekanntschaft mit einer äußerst gestörten Persönlichkeit gemacht hat, nochmals zur „Mitbenutzerfamilie“. Dort begutachtete ich ein dickes bläuliches Knie. Natürlich nicht das von Lisbeth Salander – sie hatte immer noch ein Loch im Kopf und spielte trotz alledem an einem, ihr zugesteckten Palm, sie schrieb bereits eifrig die ersten Emails und hackte sich mit diesem kleinen Palm Computer auf diverse Rechner. Geht nicht? Geht doch, ich hab selbst einen!
Ich staunte ein zweites Mal an diesem Tag über den selbst gesteckten Adventskranz und entdeckte ganz nebenbei noch zwei, prall gefüllte, selbstgebastelte Adventskalender.
Drei strahlende Augenpaare sahen mich an und grinsten um die Wette. Mitbenutzerkind II zeigte stolz auf einen der Adventskalender und meinte: “Der ist für Dich ganz alleine, ich muss meinen mit Mitbenutzerkind I teilen!“ Ich war sichtlich gerührt, Mitbenutzerkind II strahlte weiterhin über beide Ohren und plötzlich, ja urplötzlich, tauchte da ein wunderschönes Gefühl auf, eins das mich ziemlich Schlucken ließ und das mich gleichzeitig total inspirierte. Tausend Gedanken schossen durch meinen Kopf.
Montagmorgen 30. November, Uhrzeit: 05:45.
Mitbenutzerkind II stürmte das Zimmer und stand unter den Adventskalender. „Was ist heute für ein Tag?“ „Heute ist Montag, morgen können wir erst reinschauen“, erwiderte ich. „Ach blöd, ja gut hoffentlich ist bald morgen“, war die Antwort von Mitbenutzerkind II, als es aus dem Zimmer stampfte. Gut, wach war ich jetzt ja schon mal!
Auf dem Weg zum Bad kam ich am Zimmer von Mitbenutzerkind I vorbei, welches bereits fertig angezogen auf seinem Stuhl saß und gerade die Schuhe anzog. „Wo willst du denn hin um diese Uhrzeit?“ fragte ich ungläubig. „Ich gehe Semmeln holen.“ lautete die prompte Antwort. Ich glaub ich bin im falschen Film, war mein erster Gedanke, Mitbenutzerkind I ist schon aufgestanden, angezogen und holt jetzt auch noch freiwillig Semmeln und das an einem Montagmorgen. Seltsam, entweder geschehen Wunder oder am Frühstückstisch wird uns gleich eine schlechte Nachricht präsentiert. Ohne schlechte Nachrichten und extrem gutgelaunt setzte ich mich zwei Stunden später in mein Auto. Lisbeth Salander meldete sich zu Wort.
Im Büro ging es um die üblichen Dinge, Übergabe vor dem Urlaub, fertig – aus – Feierabend.
Schnell verließ ich meinen Schreibtisch, rauschte vier Stockwerke nach unten und eilte zum nächsten Supermarkt. Dort angekommen kaufte ich alles was ich mir vorgenommen hatte und ging mit meiner „Beute“ eiligst nach Hause. Ich setzte den Kopfhörer auf und begann meinen Plan in die Tat umzusetzen. Lisbeth hingegen kommunizierte heimlich mit ihren Hackerfreunden über ihren kleinen Palm und versuchte, den geheimnisvollen Stalker von Erika Berger zu entlarven.
Akribisch verstreute ich meine Einkäufe auf dem Küchentisch und auf dem Boden, eine weitere Station fand sich auf der Küchenablage neben meinem Herd. Ich öffnete alle Verpackungen, unglaublich wie viel Müll dabei anfiel, ich überlegte mir wie ich meine Einkäufe am besten und gerechtesten verteilen würde.
Die Station auf der Küchenablage bekam Gesellschaft von einer mittelgroßen leeren Schachtel. Auf dem Küchentisch legte ich meine Beute in vier Reihen à sechs Artikel, dasselbe nochmal auf der anderen Seite des Küchentisches. Die Station am Boden bekam weitere, wenn auch etwas andere Artikel als die der „Küchentischabteilung“, zugewiesen.
Ich beschloss die Geschwindigkeit, sprich das Tempo der Hörgeschwindigkeit, zu beschleunigen. Zum einen hatte ich den Eindruck, mir liefe die Zeit davon und abgesehen davon wollte ich wissen, was denn nun letztendlich passiert mit Kalle „fucking“ Blomkvist und Lisbeth Salander. Dietmar Bär hetzte geradezu durch die Erzählung, nach fünf Minuten hatte ich mich auch daran gewöhnt.
Susanne Linder, die zum Schutz von Erika Berger, zu ihrer eigenen Sicherheit, angeheuert wurde beobachtete gerade den von Lisbeth Salander entlarvten Stalker. Sie verfolgte ihn und konnte ihn schließlich vor Erika Bergers Haus stellen. Ich faltete ein Din A 4 Papier – vier Mal, ging ins Wohnzimmer und holte mir von meinem Schreibtisch einen Locher, verschiedene Stifte und eine Schere.
Die drei neu erworbenen Serviettenpäckchen teile ich ebenfalls den jeweiligen Stationen zu. Meine Küche sah vergleichsweise aus wie das Lager eines Supermarktes. Erika Berger fand sich währenddessen in ihrem Büro ein, nahm sich einen Kaffee und studierte ihre eingegangenen Emails. Kaffee war keine schlechte Idee, ich tat es Erika Berger gleich und gönnte mir zur Stärkung eine extra Portion Zucker.
Ich nahm einen Schluck Kaffee unter faltete weitere Din A 4 Papiere. Diese schnitt ich dann an den gefalzten Stellen in gleich große Teile. Danach stapelte ich die kleinen Zettel und schob sie in den Locher. Lisbeth Salander wurde zu diesem Zeitpunkt aus der Klinik in das Untersuchungsgefängnis verlegt, kurz davor konnte sie glücklicherweise Mikael ihre heimlich geschriebene Autobiografie per Email übermitteln. Dieses Schriftstück sollte eines der wichtigsten Dinge für den nahenden Prozess sein.
Meine kleinen Zettel beschriftete ich mit den Zahlen eins bis vierundzwanzig. Drei solcher Stapel schrieb ich, während ich weiter Dietmar Bärs Stimme lauschte.
Als ich endlich mit der Kennzeichnung fertig war, blickte ich nochmal auf meine Reihen. Gut dachte ich mir, es kann also losgehen…
Ich packte die einzelnen Teilchen in die weihnachtlichen Servietten ein und bestückte diese dann mit meinen nummerierten Zetteln. Tesafilm war noch nie mein Freund, stellte ich wieder einmal fest. Natürlich drehte ich die Tesarolle an die hundertmal bis endlich der Anfang gefunden war, ganz zu schweigen von den Bemühungen bis sich der Klebestreifen dann endlich von der Rolle in einem Stück lösen ließ.
Nach etwa zwei Stunden waren 48 Teile in Servietten eingepackt, mit einer Schleife aus Geschenkband umwickelt so dass jedes einzelne Teil aufgehängt und mit einer Nummer gekennzeichnet war. Annika Giannini befand sich in den Vorbereitungen zur Gerichtsverhandlung. Die Ereignisse überschlugen sich und ich war verblüfft, dass ich nur noch knapp zweieinhalb Stunden zu hören hatte.
Die insgesamt 48 Teile hing ich provisorisch an eine Kartonstange und war gerade dabei, sie auf meiner Küchenablage zu deponieren. Dummerweise stand die „Badewanne“ meiner Bonsais ebenfalls auf besagter Küchenablage. Natürlich fiel eines der Päckchen, wie sollte es auch anders sein, in die „Badewanne“. Ich zog es gerade noch rechtzeitig von der Stange, so dass keine weiteren Päckchen an die bereits nass triefende Serviette andockten. Das hätte jetzt noch gefehlt, alles noch einmal einpacken zu müssen.
Ungläubig schaute ich auf das nasse Etwas in meinen Händen. Zum Glück war es nur eines, motivierte ich mich selbst. Ich packte es also wieder aus und befühlte den Inhalt auf dessen Zustand. Das Innenleben war glücklicherweise trocken geblieben. Schnell machte ich mich an das erneute Einpacken und nachdem ich endlich, nach langem Kampf mit dem Geschenkband, eine Schleife hinbekam, hing ich es erneut an die Stange zu den anderen Päckchen. Diesmal jedoch suchte ich einen anderen Platz der Aufbewahrung. Ich öffnete zwei meiner drei Schubfächer und hing die Stange zwischen die beiden herausgezogenen Schubladen. Bestens, jetzt nur hoffen, dass die Stange hielt, dachte ich mir.
Erika Berger, Mikael Blomkvist und noch ein paar Leute überlebten nur knapp eine Schießerei in einem Restaurant. Blomkvist geriet zudem mit dem Attentäter in eine Schlägerei. Alles ging natürlich mehr oder weniger gut aus, Dietmar Bärs gehetzte Stimme und der Kaffee gaben mir den Rest. Ich war nach diesen schnellen, spannenden Ereignissen nahe an einem Herzinfarkt.
Mikael Blomkvist saß zwei Stunden später im Büro des Verfassungsschutzes und berichtete wie es zu diesem Chaos im Restaurant kam. Ich biss, zur Beruhigung in einen Spekulatius.
Die beiden anderen Stationen waren jetzt mein Ziel. Auf dem Boden sitzend begann ich dieselbe Prozedur wie bei den beiden ersten Einpackaktionen. Diesmal ging es schneller, zur Stärkung knabberte ich immer mal wieder zwischen Tesa, Servietten und Geschenkbändern sitzend, eifrig an meinen Spekulatius. Das Einpacken von Päckchen Nummer sechs und 24 vertagte ich auf später.
Die beiden Päckchen erforderten genaueres arbeiten und momentan war mir eher nach schnellem Einpacken zumute. Ich hatte noch zwei Stunden und 25 Minuten Hörbuch vor mir, Erika Berger stellte zu diesem Zeitpunkt Susanne Linder erneut als Bodyguard ein.
In Dietmar Bärs Erzählung war es Mittwoch der 13. Juli. Ich saß immer noch auf dem Boden bei aufgedrehter Heizung und verfluchte für einen Moment den kalten Winter. Wie schön wäre es jetzt in der warmen Sonne zu liegen und einfach nichts zu tun. Der Gedanke war natürlich absurd, um 22 Uhr wäre selbst im Sommer keine Sonne mehr spürbar. Ich bastelte weiter und näherte mich langsam, wenn auch in kleinen Schritten, dem Ziel. Die Sitzposition erwies sich allmählich als extrem unbequem und während ich es mir gemütlicher auf dem Boden machte, verstellte ich dabei versehentlich die Lautstärke meines Ipods. Mikael Blomkvist wunderte sich stattdessen über die diskreten und leisen Lautsprecher im Gerichtssaal, mir hingegen vielen bei der unerwarteten Erhöhung der Lautstärke, die Ohren ab. Schnell stellte ich die Lautstärke wieder auf normal ein und Mikael Blomkvist nahm derweilen im Gerichtssaal auf der linken Seite Platz. Der Saal füllte sich langsam, meine Spekulatius Tüte hingegen wurde immer leerer.
Der Staatsanwalt begann die Anklage gegen Lisbeth Salander zu eröffnen. Die Liste der Anklagepunkte schien endlos zu sein, ich lehnte mich mit dem Rücken an meine Spülmaschine und lauschte den Punkten. Schwere Körperverletzung, Bedrohung, Mordversuch, Einbruch in zwei Fällen, Diebstahl eines Fluchtfahrzeuges, unerlaubter Waffenbesitz in drei Fällen, Diebstahl und Unterschlagung von Beweismaterial und eine Reihe von kleineren Delikten. Insgesamt umfasste die Anklageschrift 16 Punkte. Der Staatsanwalt berief sich ebenfalls noch auf verschiedene psychologische Gutachten die den Geisteszustand von Lisbeth Salander mehr als in Frage stellten. Angeblich würde sie an einer ernsthaften psychischen Störung leiden, ich lauschte gespannt weiter.
Meine noch einzupackenden Gegenstände wurden glücklicherweise auch weniger und so hatte ich es fast geschafft. Noch an die fünf Teile galt es einzupacken und dann waren da ja auch noch die Dinge für den sechsten und 24 Tag. Langsam verließ mich dich Lust. Ich motivierte mich selbst mit einem weiteren Spekulatius und einer weiteren Tasse Kaffee.
Die Schöffen traten in den Saal und kurz danach erschien Lisbeth Salander in den für sie typischen, provokanten Klamotten. Mikael Blomkvist wunderte sich zu Anfang weshalb die Anwältin die Kleidungswahl von Lisbeth zuließ, erkannte jedoch schnell, dass dies durchaus eine gewollte Strategie war. Ich packte fleißig weiter zwei Päckchen ein. Die Verhandlung wurde mit einem Hammerschlag des Richters eröffnet.
Päckchen Nummer sechs erwies sich als störrisch. Ich benötigte hierfür zusätzliches Geschenkband. Der etwa 25 cm hohe Körper wurde regelrecht verschnürt und nach Fertigstellung zu den anderen gelegt. Die Gerichtsversammlung befand sich mittlerweile im vollem Gang und ich widmete mich, dem letztem Päckchen der Bodenstation. Nach fünf Minuten war es geschafft. Die Station war fertig und ich streckte mich erst einmal ausgiebig.
Insgesamt hatte ich 72 unterschiedliche Dinge zu kleinen Päckchen verschnürt. Ich war geschafft und ziemlich müde, dem Chaos in meiner Küche nach zu urteilen, war jedoch noch lange nicht an Feierabend zu denken. Ich suchte nach einer großen Tasche und legte vorsichtig die ersten 24 Teilchen hinein, die nächsten 24 passten geradeso in die Tasche. Für die nächsten 24 benötigte ich eine weitere Tasche und nachdem ich endlich alle Päckchen in dieselbige verstaut hatte, machte ich mich daran, Ordnung in das Küchenchaos zu bringen. Ich fand Tesa Rollen in den hintersten Ecken, das rote Geschenkband ähnelte eher einem riesigen Knoten und ich dachte kurzzeitig darüber nach, dass Kunstobjekt als zusätzliches Dekomaterial zu benutzen. Das völlig verwurschelte Geschenkband ließ sich, selbst nach längerem Kampf, nicht wieder in den Normalzustand entknoten und somit schmiss ich es kurzerhand in den Müll. Lust und Nerven waren am Boden. Einzelne Papierfetzen, Serviettenstückchen und sonstiges sammelte ich schwerfällig ein und entsorgte sie ebenfalls. Die beiden Taschen stellte ich in den Gang, machte die Kaffeemaschine aus und ging mit Dietmar Bärs Stimme ins Bad. Ich putzte mir gerade die Zähne als Annika Giannini, die Anwältin von Lisbeth Salander, nach der Mittagspause die Verhandlung fortsetzte. Sie stellte die Aussagen des vorigen Zeugen in Frage und endlich lief sie zur Hochform auf. Ich putzte weiter Zähne und stellte den Ipod lauter. Es wurde spannend. Annika Giannini nahm den Zeugen in die Mangel und mit jedem weitern Wort seinerseits wurde dieser unglaubwürdiger. Ich saß auf dem Badewannenrand und lauschte gespannt dem Verhör. Nach einigen Minuten des Lauschens, drückte ich schnell auf Pause und machte mich in windeseile bettfertig, sofort drückte ich auf Play und verfolgte weiterhin das Verhör.
Der Zeuge, ein anerkannter Psychologe, erwies sich als einer der abscheulichsten Menschen. Sein Verhalten und seine Vorgehensweise bei der für Lisbeths verordneten Therapie im Kindesalter, ließ mir die Haare zu Berge stehen. Einerseits war ich total müde aufgrund der Bastelaktion in meiner Küche, andererseits musste ich unbedingt weiterhören. Ich lag bereits in meinem Bett und lauschte gebannt der Erzählung.
Urplötzlich schreckte ich durch eine mir unbekannte Stimme auf. Es bedarf einige Sekunden bis ich begriff was vor sich ging. Die Kopfhörer steckten noch in meinen Ohren und die Stimme erklärte gerade Dr. Watson den Tathergang. Offensichtlich bin ich trotz spannendem Hörbuch eingeschlafen, der Fall von Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander war längst zu Ende und stattdessen rieß mich Sherlock Holmes unsanft aus dem Schlaf. Ich stoppte die Erzählung, legte den Ipod beiseite und drehte mich noch einmal um. Ich schlief sofort wieder ein.
Einige Stunden später, eigentlich waren es eher gefühlte wenige Minuten, klingelte mein Wecker.
Entgegen meiner Gewohnheit sprang ich zeitgleich aus dem Bett, stoppte den Wecker und ging ins Bad. Nur nicht nachdenken, das ist die beste Methode für mich morgens aufzustehen. Sofort unter die Dusche gehen, dann kann ich auch nicht mehr einschlafen und somit verschlafen. Immerhin hatte ich Einiges vor an diesem Tag. Ich stellte einen persönlichen Duschrekord auf und fand mich, mit dem ebenfalls aktivierten Dietmar Bär in der Küche vor der Kaffeemaschine ein. Schnell spürte ich die vermeindliche Stelle an der ich offensichtlich eingeschlafen war, auf. Während der Kaffee durch die Maschine lief, saß ich mit meinem Kopf bereits in der Gerichtsverhandlung und lauschte begeistert den Ereignissen.
Nach knapp zwei Tassen Kaffee, die ich während des Anziehens und Haare Föhnens trank, verließ ich, mit den zwei vorbereiteten Tüten meine Wohnung Richtung Auto. Auf dem Weg zur Arbeit beobachtete ich den Verlauf der Verhandlung.
Ich kam im Büro an. Wie gewohnt war noch niemand da, während die Computer hochfuhren machte ich mir einen Kaffee. Meinen Ipod hatte ich immer noch im Ohr (ich meine natürlich die Kopfhörer), die Verhandlung lief ebenfalls noch. Es war spannend ohne Ende und eigentlich hätte ich mich viel lieber mit meiner Tasse Kaffee hingesetzt und den Geschehnissen weiter gelauscht, stattdessen öffnete sich die Bürotüre und mein Chef trat ein. Ein deutliches Zeichen dafür das meine Hörzeit und somit die Verhandlung für die nächsten Stunden unterbrochen wird. Mein Chef lächelte nur all wissen. „Immer noch Blomkvist und Salander?“ lautete sein Kommentar. Ich nickte, schaltete das Hörbuch aus und legte Ipod samt Kopfhörer auf meinen Schreibtisch. Der Geschäftstag konnte beginnen.
Gegen 18 Uhr stand ich nach getaner Arbeit vor dem Lastenaufzug, welcher ebenfalls zur Personenbeförderung gedacht ist und wartete auf denselbigen. Unten angekommen spürte ich schon die eisige Kälte die mich gleich erwartete. Ich zupfte meinen Schal noch einmal zu recht und setzte mir die Kopfhörer auf. Die Verhandlung konnte hiermit fortgesetzt werden.
Mein Auto stand natürlich am hintersten Parkplatz und so stampfte ich durch die klirrende Kälte und kam mit klammen Fingern an meinen Wagen an. Als ich dann endlich auf dem Fahrersitz saß, hatte ich den Eindruck ich wäre eingefroren, zumindest leicht angefroren! Ich startete den Motor und fuhr los, vorbei an dem netten Portier welcher mich trotz der Tatsache dass ich keinen Parkschein für das Gelände besitze, immer wieder bereitwillig einfahren und vor allem kostenlos parken ließ. Einen kleine Moment trafen sich beim vorbeifahren unsere Blicke und ich winkte ihm noch kurz zum Abschied zu.
Auf der Straße war der übliche all abendliche Berufsverkehr. Zum Glück hatte ich es nicht weit, nach 10 Minuten Fahrt erreichte ich mein Ziel. Die Parkplatzsuche erwies sich diesmal, sehr zu meinem eigenen Erstaunen, als ein äußerst einfaches Unterfangen. Direkt vor der Türe konnte ich meinen Wagen abstellen. Noch schnell die Parklizenz sichtbar hingerichtet und schon ruhte ich auf der Straße und zerrte die beiden Taschen aus meinem Wagen. Wenige Sekunden später stand ich vor der Türe und klingelte.
„Hallo?“ hörte ich die Stimme von Mitbenutzerkind II fragen. „Ja Hallo, ich bin es“ erwiderte ich, schon leicht frierend. „Hallo?“ schalte es aus der Gegensprechanlage zurück. „Ich bin es, machst du mir bitte die Türe auf?“ antwortete ich auf die zweite Hallo Frage. Ein undefiniertes Geräusch ertönte aus der Anlage. „Halllllllooooooooo“ rief ich meinerseits zurück. „ Ja, ich komm nicht an den Knopf“ hörte ich Mitbenutzerkind II stammeln. Im Hintergrund versuchte Mitbenutzerkind II die Aufmerksamkeit der anderen Mitbewohner lautstark auf sich zu ziehen. Ich konnte hören wie Mitbenutzerkind I zur Sprechanlage schlürfte, betont langsam und entspannt. Ich atmete tief ein, zum Glück saß Mitbenutzerkind I nicht gerade Nintendo spielenderweise auf der Toilette dachte ich. Über diesen Gedanken musste ich selbst lächeln. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand sich endlich ein Mensch an der Gegensprechanlage ein, welcher durch seine Körpergröße in der Lage war auf den Einlassknopf zu drücken. Nach einem erneuten Frage und Antwort Spiel wurde mir endlich Einlass gewährt und ich konnte, zwischen zeitlich schlotternd, in den Lift nach oben fahren.
Oben angekommen wurde mir die Türe von Mitbenutzerkind II geöffnet, begrüßt wurde ich mit der hysterischen Aussage: „Im Kindergarten gibt es Läuse!“. Meine großen Taschen wurden glücklicherweise nicht beachtet.
Läuse – gut nicht das erste Mal dachte ich. Alleine bei dem Gedanken juckte es mich so gleich unter meiner dicken Mütze. Ich schüttelte meine lausigen Gedanken aus dem Kopf und ging in die Wohnung. Im Flur stehend blickte ich ins Wohnzimmer, dort lag Mitbenutzerkind I mittlerweile wieder auf der Couch und sortierte Yogi O Karten und hob zur Begrüßung die Hand. Dieses Kartenspiel ist mir selbst nach unzähligen Erklärungen und Einführungen unbegreiflich. Ich winkte zurück und schlich mich ins Wohnzimmer, vorbei an der Couch direkt in den Arbeitsbereich. Sehr zu meiner Freude wurden auch jetzt meine beiden Taschen auf keinster weise beachtet. Ich stellte die getarnten Geschenke unter den Schreibtisch und ging dann in Richtung Küche. Ich riss die Tür zur Küche auf und rief: „Buh“. Im selben Moment hatte ich ein feuchtes Geschirrhandtuch im Gesicht und ein:“ Huch, hab ich mich erschreckt!“ folgte sogleich. Das ist mal ne Begrüßung!
Nach der feuchten Begrüßung wurde ich sogleich in den Küchendienst eingeteilt. Nudeln sind was tolles, nach nicht einmal 10 Minuten stand unser Essen auf dem Tisch. Mitbenutzerkind I und II verkaufte ich den Salat wieder als besondere Salatherzen und somit wurde auch dieser mit Freuden verspeist.
Tischgespräch waren natürlich, wie sollte es auch anders sein, die Läuse im Kindergarten. Zum vierten Mal in diesem Jahr nisteten sich bereits diese kleinen Viecher in die Haare der KiKa Gänger. Ich sah mich schon wieder mit einer stinkenden Tinktur im Haar, stundenlang rumsitzend. Mir wurde mitgeteilt dass in den Haaren von Mitbenutzerkind II, keine einzige Laus entdeckt wurde und somit wurde beschlossen das Thema einfach verantwortungslos unter den Tisch zu kehren. Niemand hatte mehr Lust die nervige Prozedur über sich ergehen zu lassen. Wir beschlossen zu beobachten.
Zwei Stunden später war auch Mitbenutzerkind II endlich im Traumland. Mitbenutzerkind I schlief bereits eine Stunde vorher fast über den Nudeln ein. Endlich konnte ich meine Tüten hervor holen und stolz präsentieren. Große Augen und ein glücklicherweise angewachsener, jedoch aufklappender Kiefer blickten mich an. Damit hatte wohl niemand gerechnet. Ich freute mich meinerseits wie ein kleines Kind.
Ich machte mich daran die Päckchen aufzuhängen. Der eigentliche Plan die Päckchen an ein Geschenkband zu hängen wurde schnell verworfen und ich beschloss die Geschenke an die jeweilige Zimmertüre mit Tesafilm zu kleben.
Die dritten 24 Päckchen sollten im Wohnzimmer ans Bücherregal geklebt werden, Platz genug gab es hier. Das Ankleben gestaltete sich glücklicherweise schneller als das vorherige Einpacken. Nach knapp einer halben Stunde waren die Kinderzimmertüren sowie das Bücherregal mit jeweils 24 Päckchen bestückt. Voller Stolz machte ich noch drei Fotos – die Adventskalender waren endlich fertig und an Ort und Stelle. Meinen eigenen Adventskalender fotografierte ich ebenfalls. Ich fand alles großartig und freute mich auf den Morgen.
Zwei Stunden später lagen wir im Bett und hörten ein seltsames Geräusch aus dem Gang. Ich sprang auf und ging hinaus. Der Tesa hielt nicht ganz seinen Versprechen, ein Päckchen lag bereits auf dem Boden. Ich klebte es erneut hin und berichtete im Wohnzimmer den Vorfall. Im selben Moment blumste hinter mir ein weiteres Päckchen – die Nummer 15 auf den Boden. Wir lachten und stellten uns vor wie wohl die Nacht sein wird wenn ein Päckchen nach dem anderen herunterfallen würde. Bis wir einschliefen viel glücklicherweise kein einziges mehr zu Boden.
Der Morgen.
Ich wachte durch hektisches, geflüstertes Gebrabbel, welches aus dem Gang kam auf. Mitbenutzerkind II stürmte in das Zimmer von Mitbenutzerkind I und weckte das selbige. Schnell wurde berichtet was sich an den Türen befindet und so gleich konnten wir hören wie Mitbenutzerkind I aus seinem Hochbett stürzte. Ein freudiges:“ Bow, ah cool“ erklang aus dem Gang. Beide rannten hin und her und begutachteten ihre Türen. Wir hörten noch wie sich beide die Frage stellten ob sie denn jetzt zu uns ins Zimmer können und ob sie uns jetzt wecken dürfen. Wir nahmen ihnen die Entscheidung ab und standen auf. Langsam öffneten wir die Tür und sahen in zwei freudig strahlende Gesichter, welche Zeitgleich wild durcheinander riefen und ebenso liefen. Sie freuten sich und ich mich auch. Ziemlich sogar.
Als beide dann noch ins Wohnzimmer liefen entdeckten sie den dritten Adventskalender am Regal klebend. Ein lautes „Hallo“ erklang im Zimmer und die Freude darüber das jetzt wirklich jeder von uns seinen eigenen Adventskalender hatte, war unüberhörbar.
Jeder von uns öffnete sein jeweilig erstes Päckchen und die meisten von uns, aßen den Inhalt in der selben Sekunde auf J Die Adventskalender waren und sind also ein voller Erfolg und ich freute mich über die 3 überraschten Gesichter und das ist, denke ich der Sinn und Zweck dieser ganzen weihnachtlichen Aktionen. Freude schenken und auch zurück zu bekommen. Dieses Gefühl ist viel mehr wert als ein materielles Geschenk.
Nach wie vor bin ich kein Anhänger dieses weihnachtlichen Wahnsinns, im Grunde kommt es nur darauf an was man daraus macht und wie man es macht – und eins hab ich jetzt gelernt –strahlende große Kinder- und Erwachsen Gesichter sind die schönsten Dinge die es gibt……..
In diesem Sinne wünsche ich Euch allen fröhliche Weihnachten!!!!!!!!
(Das Hörbuch habe ich natürlich zu Ende gehört
bewusst habe ich hier aufgehört die Handlung zu erzählen…..auf alle Fälle ist es sehr hörenswert und ein eindeutiges MUST HEAR! Schenkt es Euch doch einfach selbst zu Weihnachten, stellt Euch vor den Spiegel und erfreut Euch an Eurem eigenen Lächeln……..)